Predigt über die Christusfigur von Emil Johannes Homolka

von
 Pfarrerin Lisa Interschick 


Christusfigur2Jahrzehntelang stand auf dem Zinzendorfplatz in Königsfeld eine große Linde. Sie hat das Leben auf dem Zinzendorfplatz mitbestimmt. Im Schatten ihrer Zweige fand manches Gespräch statt. Kinder spielten rings um ihren Stamm. Und der hellgelbe Staub der Lindenblüten verzauberte einmal im Jahr den Boden des Platzes.
In den 80er Jahren wurde die Linde gefällt. Menschen, die unter der Linde Begegnungen gehabt hatten, Menschen, die jeden Tag an ihr vorbei gekommen waren, vermissten sie. Manch einer von ihnen sah vielleicht betrübt auf den Baumstumpf und dachte zurück an den Lindenbaum.

Einer hat aus dem gefällten Baum etwas Neues geschaffen. Der Bildhauer Emil Johannes Homolka aus Königsfeld nutzte den Lindenstamm für seine Arbeit. Er schnitze aus dem Stamm eine Christusfigur von beeindruckender Größe. Seit dem Jahr 2004 steht diese Christusfigur im Foyer des Ökumenischen Zentrums. Die Christusfigur bestimmt das Leben im Ökumenischen Zentrum mit. Unter der Figur finden Gespräche statt. Kinder spielen vor ihr. Die Entstehung der Christusfigur ist fast wie ein Bild für die Aussage des Kunstwerkes.

Auf den ersten Blick zeigt das Kunstwerk Christus als den Gekreuzigten. Es ist eine realistische Darstellung: Gesichtszüge, Körper, Glieder, Hände und Füße sind aus dem Holz sorgfältig herausgearbeitet.
Christus hat die Augen geschlossen. Die Rippen stehen hervor und zeigen, dass der Körper durch die Folter des Hinrichtungsinstrumentes zusammengesackt ist. Bei längerem Betrachten der Figur fällt jedoch auf: Weder Hände noch Füße weißen Wundmale auf. Außerdem ist das Kreuz, an dem die Figur hängt, ganz im Hintergrund und auch nur angedeutet. Ein Betrachter könnte das Kreuz beinahe übersehen! Beim längeren Betrachten merken wir schließlich: das Kunstwerk zeigt nicht nur Christus den Gekreuzigten. Es zeigt auch Christus den Auferstandenen. Es zeigt den lebendigen Christus, der die Arme nach oben genommen hat, um die Welt zu segnen. Der irdische Jesus ist am Kreuz gestorben. Aber aus seinem Tod entwächst das neue Leben.

Diesen Übergang vom Tod zum neuen Leben zeigt uns nicht nur die Christusfigur selbst, sondern auch ihre Entstehungsgeschichte: Einst stand in Königsfeld auf dem Zinzendorfplatz ein Lindenbaum und hat das Leben der Menschen mitbestimmt. Der Lindenbaum hat Schatten gespendet und die Menschen erfreut. Der Baum aber wurde gefällt und der Verlust schmerzte. Etwas Neues aber ist aus dem Verlust gewachsen. Wieviel weniger Sorgen haben wir in unserem Leben, wenn es uns gelingt darauf zu vertrauen, dass aus Verlust etwas Neues wachsen kann! Durch Christus hat Gott uns gezeigt, dass wir vertrauen können. Durch Christus hat Gott uns gezeigt, dass selbst der größte Verlust in unserem Leben, der Tod, ein Übergang in etwas Neues ist.
Durch Christus ist das Wirklichkeit geworden, was schon die Propheten wussten. Nämlich das Gott uns zuspricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?" (Jesaja 43,19)

 

Christusfigur KopfAm Kopf hat der Künstler Ohren, Augen, Nase und Mund hat sorgfältig aus dem Holz herausgearbeitet. Christus hat die Augen geschlossen. Auch sein Mund ist zu und nicht wie bei anderen Christusdarstellungen zu einem Schrei der Verzweiflung und des Sterbens geöffnet. Durch Augen und Mund wirkt Christus traurig, aber auf eine ruhige fast friedliche Weise. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Kinder von ihm sagen: er schläft. Nicht aber: er ist tot. Die Kinder haben Recht. Durch diese ruhige, fast friedliche Traurigkeit, hat er bereits etwas von dem auferstandenen und lebendigen Christus. Sollte ich für sein Gesichtsausdruck eines der Worte Jesu am Kreuz wählen, die uns im Neuen Testament überliefert sind, ich würde die Worte aus dem Lukasevangelium wählen. Matthäus und Markus legen dem sterbenden Jesus die Worte aus Psalm 22 in den Mund: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46; Mk 15,34). Johannes lässt den sterbenden Jesus sagen: „Es ist vollbracht." (Joh 19,30). Und Lukas legt ihm die Worte aus Psalm 31 in den Mund: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." (Lk 23,46). Diese Worte passen meines Erachtens am besten zu dem Gesichtsausdruck der Christusfigur, zu dem Gesichtsausdruck voll ruhiger, fast friedlicher Traurigkeit. Diese letzten Worte Jesu aus dem Lukasevangelium weisen auf ein tiefes Vertrauen Jesu zu Gott hin. Die Worte erzählen, dass Jesus selbst in Einsamkeit und Todesfolter das Vertrauen zu Gott nicht verloren hat. In diesem Vertrauen klingt ganz im Verborgenen bereits die Auferstehung und das neue Leben an. Es ist als würde Jesus zu Gott sagen: In dieser Stunde durchleide ich das Schrecklichste. Aber ich weiß, du kannst alles zum Guten wenden.
Der Gesichtsausdruck der Christusfigur stellt beides dar: Christus, den Gekreuzigten und Christus, den Lebendigen. Als Gekreuzigter spricht er die Worte aus dem Lukasevangelium zu Gott: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." Als Lebendiger spricht er plötzlich segnend Worte zu uns: „Meinen Geist gebe ich der Welt, meinen Geist gebe ich euch!"

 

Christusfigur Hand rechtsChristusfigur Hand linksBlicken wir als nächstes gemeinsam auf die Hände des Christus. Bis hin zu jedem einzelnen Finger hat der Künstler Arme und Hände aus dem Holz herausgearbeitet. Die Arme sind nach oben gestreckt, nicht zur Seite, wie auf vielen Darstellungen des gekreuzigten Christus. Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass wir auf den Handflächen keinerlei Spuren von Wundmalen finden können. Die Christusfigur stellt eindeutig den gekreuzigten Christus dar. Dennoch lassen Arme und Hände weniger an die Kreuzigung denken. Stattdessen ist es, als wollte Christus uns segnen! Interessant ist zudem die Haltung der Finger: Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sind entspannt nach oben gestreckt. Ringfinger und kleiner Finger leicht nach vorne abgewinkelt. Will Christus uns mit seinen Fingern das Friedenszeichen zeigen? Passen würde es ja zu ihm. Vor allem wenn wir an die Worte denken, die Jesus nach dem Johannesevangelium seinen Jüngern mitgibt. Viele Worte gibt er ihnen zum Abschied mit und dabei auch Worte des Friedens. Er spricht: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht." (Joh 14,27) Jesus gibt uns Frieden nicht so, wie wir einander Frieden geben. Er gibt auf andere Weise. Gerade darin liegt etwas Tröstliches. Denn wie oft haben wir es erlebt, dass der Friede, den wir einander gegeben haben, wieder zerbrochen ist! Weil es zu einem Missverständnis kam. Weil sich die Umstände änderten. Oder weil wir ungeduldig waren. Die Art und Weise wie Jesus uns Frieden gibt ist anders. Sein Frieden zerbricht nicht. Er besteht und hört nicht auf. Denn sein Friede ist weiter als unserer, er kennt keine Grenzen. All unseren Unmut und Ärger vermag er zu umfassen und zu verwandeln. Die Finger der Christusfigur sind zum Friedenszeichen geformt. Aber nicht ganz so wie wir es machen. Wir erkennen an seinen Fingern das Friedenszeichen, aber es ist doch auf andere Weise. So gibt er uns seinen Frieden. Er gibt uns nicht Frieden wie wir Frieden geben, sondern auf andere Weise. Christus spricht: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht."

Christusfigur Oberkoerper
Blicken wir als nächstes auf den Oberkörper der Christusfigur. Wunden sind nicht zu entdecken. Der Einstich der Lanze an der Seite ist nur durch eine leichte Delle im Holz zu erahnen. Deutlich zu sehen aber sind die hervorstehenden Rippen. Sie zeigen, dass der Körper durch die Folter des Hinrichtungsinstrumentes zusammengesackt ist. Menschen, die gekreuzigt wurden, starben an Erstickung. Die Kraft der Arme ließ nach, der Körper sackte in sich zusammen, die Atmung funktionierte schließlich nicht mehr. Die hervorstehenden Rippen an der Christusfigur zeichnen diesen grausamen und qualvollen Tod nach. Was Jesus am Kreuz durchleidet, ist die größtmögliche Qual, Grausamkeit, Verzweiflung und Einsamkeit, die wir uns vorstellen können. Ist es so, dass es diesen grausamen Tod brauchte, damit wir mit Gott versöhnt werden? Ich würde es so sagen: Gott wurde in Jesus Mensch, um uns seine Liebe zu zeigen. Gott wurde in Jesus Mensch, um uns sagen zu können, dass er uns sein Friedensreich schenken will. Jesus brachte diese Botschaft von Gott zu den Menschen. Viele aber fanden Jesus arrogant. Wie er auftrat und angeblich einfach über Gott Bescheid wusste. Deshalb sagten sie: Jesus muss sterben. Jesus hätte fliehen können. Oder er hätte widerrufen können, was er von Gott erzählt hatte. So wäre er der Todesstrafe am Kreuz entgangen. Was aber wäre dann mit den Menschen gewesen, die ihm geglaubt hatten? Die, die sich gefreut hatten über seine Botschaft und darauf all ihre Hoffnung gesetzt hatten? Sie wären letztlich enttäuscht gewesen. Sie hätten gesagt: Jesus hat uns gesagt ‚Gott liebt die Menschen. Er verzeiht uns. Wir müssen uns nur an ihn wenden' – aber als er deswegen angeklagt worden ist, ist er weggelaufen. Wahrscheinlich hat er doch nicht ernst gemeint, was er gesagt hat. Jesus läuft nicht weg. Er erträgt den Foltertod. Er zeigt damit: Gottes Liebe ist wirklich unbegrenzt groß. Selbst den Foltertod erträgt seine Liebe. 

 

Christusfigur GewandBlicken wir weiter auf das Gewand oder Tuch, das der Bildhauer aus dem Holz herausgearbeitet hat. Es liegt um die Hüften Jesu und reicht bis über das Knie. Neben der Länge des Gewandes ist vor allem eines erstaunlich: die Farbe. Ein Blau wie der Himmel! Ein Blau des Wassers, wenn sich der Himmel darin spiegelt! Warum diese Farbe? Möchte der Künstler damit auf die Mutter Maria hinweisen? Denn Maria wird die Farbe Blau zugeschrieben. Irgendeine Bedeutung muss es jedenfalls haben. Denn das Blau nimmt eine große Fläche ein. Der Betrachter kann sich beinahe ganz in dieser Farbe verlieren! Vielleicht war gerade das die Absicht des Künstlers. Lassen wir uns ganz von diesem Blau einnehmen, geschieht etwas mit uns: Die Grausamkeit des Kreuzestodes verschwindet. Aber nicht nur das. Jede kleinste Qual, Mühe, Sorge, Angst, Bitterkeit und Wut verschwindet. Das Blau ist wie ein Sog. Es zieht uns hinein in die Welt des Himmels, die Welt unserer Sehnsucht. Ich muss dabei an die Verheißung von dem neuen Himmel und der neuen Erde aus der Johannesoffenbarung denken. Die Verheißung, die zusammengefasst wird durch nur einen Vers: Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu." (Offb 21,5) Mit unserem Verstand können wir diesen neuen Himmel und diese neue Erde nur schwer begreifen. Das Blau aber zieht uns hinein in die Hoffnung, dass dieser neue Himmel und diese neue Erde einmal Wirklichkeit werden. Dass es Wirklichkeit wird, dass Gott in unsere Traurigkeit über alles Verlorene spricht: Siehe, ich mache alles neu. Sind wir naiv, wenn wir uns dieser Hoffnung hingeben? Naiv und einfach nur romantisch? Manch einer mag das sagen. Jemand, für den nur das Realität ist, das unser Verstand ergreifen und erfassen kann. So jemand ist jedoch umgekehrt für mich naiv. Er ist wie ein Mensch, der blind ist und sagt: es gibt keine Farben, denn ich kann sie nicht sehen! Blicken wir als nächstes auf das eine Knie der Christusfigur. Ja, Sie haben richtig gehört: auf sein Knie. Christus hat das eine Bein leicht angewinkelt, so dass das Knie vorsteht und den Betrachter einlädt mit der Hand darüber zu streichen. Genau das haben auch schon viele Betrachter getan. So viele, dass die blaue Farbe an der Stelle des Knies bereits anfängt zu glänzen! Was ist das für ein Bedürfnis, dieses Knie anzufassen? Was ist das für ein Bedürfnis, die Christusfigur anzufassen?

Für alle Protestanten ist eine Christusfigur ja erst einmal etwas Untypisches. Ausgehend von dem Gebot ‚Du sollst dir kein Bildnis machen' (vgl. 2.Mose 20,4; 5.Mose 5,8) und ausgehend davon wie die Kirche des Mittelalters mit Gottesbildern und Heiligenbildern umgegangen ist, war Martin Luther gegen die bildlichen Darstellungen Gottes. In vielen evangelischen Kirchen finden wir daher nur ein Kreuz – ohne Korpus. Eines beobachtete Martin Luther jedoch auch: es ist ein menschliches Bedürfnis ein Bild oder eine Figur zu haben, die Christus darstellt. Allein die Betrachtung des Bildes oder der Figur spendete vielen Trost und Hoffnung. In dieser Hinsicht haben wir Menschen uns nicht verändert. Nach wie vor haben viele von uns das Bedürfnis ein Bild oder eine Figur von Christus zu betrachten. Die Christusfigur von Emil Johannes Homolka ist überdimensional groß. Das Knie ist gerade in der Höhe, die die meisten bequem erreichen. Einmal Gott wirklich zu erreichen, ihm zum Greifen nahe zu sein, ihn zu sehen – dieses Bedürfnis hatte schon Mose (vgl. 2.Mose 33,18). Berühre ich die Christusfigur, tue ich das nicht, weil sie ein Heiligtum ist. Berühre ich die Christusfigur, lasse ich mein so menschliches Bedürfnis zu, das danach verlangt, einmal Gott wirklich zu erreichen, ihm zum Greifen nahe zu sein, ihn zu sehen! Die Handbewegung, die über das Knie der Christusfigur streicht bringt eine Frage an Gott zum Ausdruck: Wann werden wir dir wirklich zum Greifen nahe sein? Wann werden wir dich wirklich sehen?


Christusfigur FuesseBlicken wir zum Schluss noch auf die Füße der Christusfigur. Es sind schöne Füße! Nahezu parallel sind sie angeordnet. Die Zehen zeigen nach unten und die beiden großen Zehen berühren sich. Ungewöhnlich für einen Gekreuzigten ist, dass sie so gar keine Wundmale oder sonstige Spuren von Gewalt aufweisen. Ebenso wie die Hände sind auch die Füße ohne jeden Nagel und völlig unverletzt. Konzentriert man den Blick ausschließlich auf die Füße, so denkt man auch gar nicht an die Kreuzigung Jesu. Eher an seine Himmelfahrt! Denn es wirkt, als würde Christus schweben. Oder als hätte er zumindest gerade einen eleganten Sprung in die Höhe gemacht, ähnlich wie ein Balletttänzer! Denn diese wollen mit ihren hohen und eleganten Sprüngen tatsächlich ein stückweit die Schwerkraft aufheben. Die Füße der Christusfigur bringen also vor allem eines zum Ausdruck: Unbeschwertheit. Durch seine Füße ist der Gekreuzigte schon einen Schritt weiter: Gewalt, Leid und Foltertod hat er bereits hinter sich gelassen. Es lässt mich an ein Osterlied aus dem Gotteslob denken. Es heißt in diesem Lied: „Christus ist erstanden! Von des Todes Banden schwebt er frei und auf sein Grab schaut er mit Triumph herab." (GL 798,1). Die Füße bewirken also mit ihrer Unbeschwertheit, dass die Christusfigur nicht allein von der Kreuzigung erzählt. Auch das Endergebnis der Kreuzigung wird schon mithineingenommen: die Botschaft von der Auferstehung und vom Sieg des Lebens. Bringen wir denn beim Feiern eines Gottesdienstes auch diese Unbeschwertheit zum Ausdruck? Wenn wir ehrlich sind, ist die Antwort auf diese Frage: nein, eher nicht. Wir sind im Gottesdienst eher nachdenklich und ein wenig steif. Schließlich ist ja auch der Glaube eine ernste Sache! Da kann ja nicht einfach jeder gerade wie er will...! Die Füße der Christusfigur lehren uns etwas anderes. Sie lehren uns: Nicht der Glaube ist eine ernste Sache, sondern das Leben in dieser Welt. Im Vertrauen auf Christus aber überwinden wir diese Welt. Sind plötzlich unbeschwert! Amen.

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